Mit freundlichem Dank an die Passauer Neue Presse, August 2026
Eigentlich hätte Lisa Fitz an diesem Spätnachmittag ein anderes Bühnenoutfit tragen sollen. Doch im Eifer des Gefechts war das vorgesehene Kleid daheim geblieben. Also musste kurzfristig ein T-Shirt ihres Lebensgefährten herhalten. Vorne drauf: das Logo der Heavy-Metal-Band „Motörhead“. Irgendwie passte auch das. Denn besonders leise wollte Lisa Fitz an diesem Nachmittag ohnehin nicht sein.
Im „Minenfeld der Empfindlichkeiten“, so begrüßte sie das Publikum im bis auf den letzten Platz gefüllten großen Saal des Artriums. Und wer anschließend fast zwei Stunden lang einfach nur nett unterhalten werden wollte, bekam vorsichtshalber gleich eine Warnung mit auf den Weg. Sie sei kein Comedian, sondern Kabarettistin. Politische Kabarettistin sogar, und vor allem: „Ich bin kein Stoffbär.“
Damit war ziemlich genau beschrieben, worum es in ihrem neuen Programm „Heimleuchten“ geht. Während sich vieles, was heute unter Kabarett läuft, vor allem mit den kleinen Absurditäten des Alltags beschäftigt, und dabei hauptsächlich auf die Lachmuskeln zielt, zieht Fitz bewusst die größeren Kreise. Politik, Gesellschaft, Medien, Konsum, Digitalisierung – und immer wieder die Frage, warum Menschen Dinge hinnehmen, obwohl sie ihnen eigentlich längst gegen den Strich gehen.
Sie wolle auf Missstände aufmerksam machen, zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Handeln anregen, sagte sie. Einfach auf die Bühne zu kommen und etwas zu erzählen, über das alle lachen können, das sei ihr zu wenig. Dass trotzdem viel gelacht wurde, versteht sich bei Lisa Fitz von selbst. Nur: Manchmal blieb das Lachen zumindest für ein paar Sekunden im Hals stecken. Etwa dann, wenn sie ihren alten Hit „I bin bläd“ hervorkramt. Der hat einige Jahrzehnte auf dem Buckel und funktioniert immer noch – heute nur mit einer etwas anderen Stoßrichtung. Fitz beschreibt damit Menschen, die erleben, dass die Welt immer schneller wird, immer komplizierter, in manchen Bereichen wie beispielsweise Social Media auch immer dümmer. Und viele Menschen fragen sich mittlerweile, ob sie in einer Welt, in der alles „mega“ ist, noch am richtigen Platz sind. Fast noch mehr beschäftigt sie allerdings, dass sich immer mehr Menschen von Politik vollständig verabschieden. Fitz erinnert an Zeiten, in denen in Kneipen, Studentenbuden oder an einem Sommerabend auf dem Balkon bei einem Glas Rotwein leidenschaftlich über Politik und gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert und manchmal auch gestritten wurde. „Heute höre ich leider immer häufiger: Lass mich mit der Politik in Ruhe, weil ändern kann man eh nichts.“ Genau dieser Resignation will sie etwas entgegensetzen. „Es ist schwer, jemanden hinters Licht zu führen, dem dieses Licht schon aufgegangen ist“, lautet einer der Sätze, die gut zu „Heimleuchten“ passen. Ihre Botschaft zieht sich durch den ganzen Abend: nachdenken, hinterfragen und nicht alles für bare Münze nehmen, nur weil es oft genug wiederholt wird.
Dabei bleibt Fitz auch bei sich selbst und beim Verhältnis zwischen den Geschlechtern nicht zimperlich. Wenn sie erklärt, weibliche Glühwürmchen seien deutlich größer als ihre männlichen Artgenossen und würden deshalb heller leuchten, dauert es nicht lange, bis sie die passenden Parallelen zu menschlichen Männlein und Weiblein gefunden hat – sie ist immer noch Feministin, aber eine, die nie verbissen rüberkommt.
Geradezu messerscharf wird der Abend an anderen Stellen. Aus dem Evergreen „Tulpen aus Amsterdam“ macht Fitz „Blumen aus Ecuador“. Aus dem harmlosen Schlager wird damit ein Lied über billige Schnittblumen und über Kinder, „die am anderen Ende der Welt als billige Arbeitskräfte in einem Nebel aus giftigen Pflanzenschutzmitteln den Preis dafür bezahlen, dass der Strauß im Supermarkt möglichst wenig kostet“.
Musikalisch lässt sie sich auch im neuen Programm nicht festlegen. Rockige Nummern wechseln sich mit ruhigeren, beinahe besinnlichen Liedern ab. Die Musik ist bei Fitz nicht bloß eine Pause zwischen zwei Wortbeiträgen, sondern seit Jahrzehnten ein wesentlicher Teil ihres Kabaretts – dass sie mit der Gitarre und mit ihrer Stimme so gut umgehen kann, das spricht für die Qualität und die Erfahrung von Lisa Fitz. Manches in „Heimleuchten“ dürfte auch in Bad Birnbach nicht jedem gefallen haben. Das war bei Lisa Fitz allerdings noch nie Voraussetzung für einen gelungenen Abend. Wer es braucht, der kriegt sein Fett ab, und Lisa Fitz verteilt dieses Fett ziemlich großzügig – nach rechts und links, nach oben und unten, an Männer wie Frauen. Und gelegentlich schimmert bei aller Angriffslust auch etwas Verbitterung darüber durch, wie wenig sich ihrer Ansicht nach trotz jahrzehntelanger Debatten verändert hat. Unterkriegen lässt sie sich davon nicht, da bewahrheitet sich, was sie zu Beginn des Programms angekündigt hat: „Ich bin kein Stoffbär“.
Vor Jahrzehnten hat Lisa Fitz ihre Heimat im Rottal gefunden, mittlerweile hat es Tradition, dass sie hier auch die erste Vorstellung eines neuen Programms zeigt, bevor es dann für zwei Jahre auf Tournee geht. Der Auftritt in Bad Birnbach war ihr wichtig, denn, so Fitz nach dem Schlussapplaus im Gespräch: „Das heimische Publikum ist für mich ein ziemlich zuverlässiger Maßstab, denn: Wenn die Niederbayern klatschen, dann ist das ehrlich gemeint, und das ist das beste, was man auf der Bühne spüren kann.“ An diesem Nachmittag wurde viel und lange geklatscht – Lisa Fitz kann es, wenn man den Applaus als Maßstab nimmt, immer noch, und sie kann es sehr gut.
Artikel von Gerd Kreibich


