Nuan - Leseprobe 2
Der nächste Tag war heiß und schwül, die Luft drückte. Wir trafen uns gegen drei Uhr nachmittags und fuhren mit dem Boot auf den menschenleeren Strand am anderen Ende des Bentota-Flusses, wo keine Strandverkäufer nervten und sich kaum Touristen aufhielten. Und die, die dort waren, wollten auch ihre Ruhe.
Wir setzten über und liefen nebeneinander her bis zum Meer. Ich war betört von Nuan und seinen leicht schrägen, so großen, schwarzen Märchenaugen, den langen, seidigen Wimpern, den glänzenden, dicken, schwarzen Locken, die ihm in die Stirn fielen und dem Mund, dem aufgeschwollenen, großen Mund, den Lippen, die wie eine riesige, dicke Knospe im Tropenregen aufsprangen.
Er wirkte wie ein Prinz aus Tausendundeiner Nacht und war bei Tageslicht noch schöner als in der Nacht. Ich zog mein Kleid aus und lief im Bikini aufs Wasser zu. Er blieb am Strand stehen, deutete auf seine Shorts und gab zu verstehen, dass er keine Badehose dabei habe, nur seine Unterhose.
»Egal«, sagte ich.
»O.k.«, lachte er. Er zog die Shorts aus und ging ins Wasser. Ich blieb hinter ihm zurück und betrachtete ihn. An seinem sehnigen, schmalen Körper brachen sich die Wellen, die Sonne glitzerte in den Wassertropfen, die an der dunklen Haut hinabperlten. Schultern und Rücken waren breit und das knabenhafte schmale Gesäß lockte wie der sprichwörtliche Apfel. Er war wunderschön, wie er da so mit dem Wellen spielte, ein unschuldiges Sexsymbol, das (noch) nicht um seine Wirkung wusste.
Nach dem Schwimmen setzten wir uns ins flache Wasser, spielten mit dem Sand und versuchten eine kleine, kokette Unterhaltung. Nuan schien einer Annäherung nicht abgeneigt und ich war etwas fassungslos und aufgeregt, denn damit hatte ich nicht gerechnet, nur geträumt davon... Er lachte über seine nasse, klebende »Badehose«, kokettierte mit seinem schönen Körper, war bereit, aber nicht schamlos, schüchtern und etwas verlegen, dennoch willens, geschehen zu lassen, was ich auch zuließ. Wir sprachen über Belanglosigkeiten, alles war recht, was Anlass und Erlaubnis gab, uns unverfänglich und spielerisch zu berühren. Nun gut, er flirtet, dachte ich, das ist nett. Dann spürte ich, das wird ernst – nicht später oder abends, im Dunkeln oder nachts – nein, hier und jetzt, am helllichten Nachmittag am Strand wollte er es tun.
»Aber ... .«
Unsere Hände fanden sich, spielten, die Lippen suchten sich, ich dankte, innerlich frohlockend, dem Leben für diesen Moment, war froh, dass ich braun war, leidlich trainiert – und mutig. Sei einfach mutig, sprach etwas in mir. Viele meiner scheuen Geschlechtsgenossinnen hätten das wohl nicht zugelassen. Und doch ... es lebe die Chance des Augenblicks! Ich hätte warten, auch Nuan warten lassen können – aber wozu? Ich fand dafür keinen wirklich triftigen Grund.
Nuan stand auf, nahm mich bei der Hand und führte mich in Richtung der Büsche, die die fast leere Hotelanlage vom Strand trennten. Er wird doch nicht ... dachte ich noch und wusste, er wird, und jetzt war es zu spät. Ich kannte mich – und ihn lernte ich nun kennen. Verdeckt von Lianen, den Blick auf Strand und Meer, begannen wir uns zu betasten und an uns herumzuspielen, suchten und fanden alle Variationen der Liebe – fast alle... Nicht ohne Kondom, dachte ich mit einem Rest von Vernunft, den ich noch greifen konnte, bevor mir der Kopf wegflog und wir in Küssen und Liebkosungen verschmolzen. Meine Fassungslosigkeit verließ mich nicht und begleitete mich während des ganzen Geschehens, wurde aber von der Erregung beiseite gedrängt, die in mir überfloss und mich schaudern ließ. So etwas kommt nicht vor in der alltäglichen Frauenwirklichkeit, auch nicht in meinen vergangenen Jahren voller Arbeit und sexueller Entbehrung. Ich fühlte mich wie poröser Ton, der mit Wasser begossen wird.
Und es dauerte lang, lang, lang. Immer begann er wieder von Neuem, mich zu berühren, meine Hand zu führen, mich sanft in eine andere Position zu schieben, um wieder mit den Liebkosungen und Küssen zu fortzufahren. So muss es im Weiberparadies sein, dachte ich, und dass jeden Augenblick Strandbesucher vorbei kommen konnten, verschärfte die Spannung. Ich verfiel ihm von diesem Augenblick an und sicher war ich auch geistig verwirrt durch das heiße Blut, das die Gefühle zum Kochen brachte.
Wir zogen uns an, wanderten schweigend und erhitzt, in stillem Einverständnis zwar, aber recht durcheinander und etwas ratlos-verlegen zurück zu unseren Kleidern. Ich vermied es, ihm in die Augen zu sehen und hing meinen konfusen Empfindungen nach, konnte nicht fassen, was mir da eben widerfahren war, auch nicht, dass ich es hatte geschehen lassen. Es musste die tropische Hitze gewesen sein ...
Nuan blickte mit scheuem Augenaufschlag zu mir herüber und lächelte ein wenig, nicht stolz, nicht überheblich. Das ist jetzt so, weil wir es so wollten, und es ist in Ordnung so, sagte sein Blick. Hand in Hand gingen wir zu den Booten zurück.
So war es das erste Mal mit Nuan, wild, fern aller Konvention, verwegen, und von diesem Moment an sahen wir uns täglich und waren unzertrennlich.
Bestellinformationen:
Zu beziehen über unseren Shop oder über ISBN 3-7766-2417-5
Erschienen im Herbig-Verlag
Preis ca. 17,90 €
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