Nuan, Leseprobe 1

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»Wenn die Tamilen und die Buddhisten sich einig würden«, sagte ich »könnten sie hier vom Tourismus gut leben.«
»Sehr gut«, sagte Linde deprimiert und sah zum Fenster hinaus, »so geht alles kaputt.«
»Vom Tourismus geht das Land auch kaputt«, sagte ich, »aber angenehmer.«
»Die Leute prostituieren sich, verlieren ihre Kultur.«
Die Not war in Sri Lanka allgegenwärtig – wenn man bereit war, sie zu sehen.
»Wenn man sieht, was aus verstörten, verängstigten, verwundeten Wesen in acht Monaten geworden ist«, hatte der mit dem Kinderdorf gesagt, »gibt es nur den Weg nach vorne, Schritt für Schritt.«
»Wollen wir eine Kleinigkeit essen? Machen wir eine Pause?«
»Wo ich soviel Kuchen reingeschoben habe«, sagte ich.
»Egal«, lachte Linde, »was drin ist, ist drin!«
Ein wahres Wort. Wie obszön. Wie westlich. 
  
In Matara bestaunen wir die riesige, vierzig Meter hohe Buddhastatue und in den Gemäuern Buddhas fünfhundertfünfzig Leben in Hunderten von akribisch in Feinarbeit restaurierten Bildern, Comics nicht unähnlich, und sind beeindruckt, wenn auch schon etwas erschöpft vom Schauen und den vielen Stationen. Ich denke an Nuan und an den kleinen Mönch ...

Manta bleibt im Wagen, er will ein wenig schlafen. Er leistet viel, ist stundenlang gefahren, bei dem landestypischen Verkehr würde sich niemand von uns trauen, ihn abzulösen, obwohl wir passionierte, gute Fahrerinnen sind.

 

Auf dem Rückweg von Galle dösen wir ein wenig, sehen schläfrig zum Fenster hinaus. Viele Müllhalden, viele Kühe, ein grell-lila Shop, fünf kleine, dürre Hühner – die Bilder fliegen an unseren müden Augen vorbei. Fashion Corner ... für die Männer in Sri Lanka ist ein modernes T-Shirt, eine Sonnenbrille und ein Baseballkäppi der Inbegriff von up to date. Wenn ich hier bliebe, bräuchte ich das ganze Jahr nur Sommerkleider ...


Eine Unzahl Hunde streunt auf den Straßen umher, vielfältige Varianten des singhalesischem Einheitshunds, auch nahezu haarlose; ab vier Uhr nachmittags werden sie geschäftig. Von hinten sieht man nur wippende Ohren, gekringelte Schwänzchen, so trippeln sie dahin ...als ob sie zu einem Termin müssten.
»Beim Steuerberater!«, sagt Linde und bekommt einen Lachanfall.


Mich überfällt die Sehnsucht nach einem kleinem, einfachem Leben; schwanger werden, Kinder aufziehen, ein Haus haben, regelmäßige Abläufe, klare Rollen und eine stabilisierende Sitte ...

 

Ich hänge dem Gedanken nach und sehne mich nach Nuan.
Ausgemergelte Männer mit Herrenhemden über schmutzigen Sarongs schütten Teer aus Schalen auf dem Weg, ceylonesischer Straßenbau. Ein alter, müder Hund entschließt sich, nach der Hälfte der Straße wieder umzukehren, läuft vor einen Motorradler, der quietschend bremst, und bleibt träge stehen ... einfach stehen.
Von Galle fahren wir übers Landesinnere zurück. Hier ist kein Tourist mehr.

Dschungelartiges Grün umgibt uns und eine Vielfalt tropischer Grünpflanzen, mit unzähligen Blattarten. Die landschaftliche Vielfalt ist einzigartig. Gäbe es einen Wettbewerb für Grüntöne – Sri Lanka wäre Spitzenreiter. Der Blick gleitet vom Hellgrün der Millionen Kokos- und Palmyrapalmen über die dunstverhangenen Grünschattierugen des Regenwaldes, den leuchtend grünen bis gelblichen Reisfeldern in der Ebene zu den dunkelgrünen Teesträuchern im Bergland, vom Dickicht der Mangroven und Bambuswälder an der Küste und den Flussufern bis hin zu den sattgrünen Gummibaumplantagen. Grün, soweit das Auge schaut, bis zum türkisgrünen Ozean ...
 
 
Bestellinformationen:
Zu beziehen über unseren Shop oder über ISBN 3-7766-2417-5
Erschienen im Herbig-Verlag
Preis ca. 17,90 €

 

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